Wenn der Chef im Daily steht: Über die (Aus-)Wirkungen von Hierarchie in Teams

Ein Thema, über das fast alle Unternehmen stolpern, die sich mit Agilität auseinandersetzen und erste Erfahrungen sammeln, ist die unsichtbare Macht der Hierarchie. Man führt Sprints, Dailys und Retrospektiven ein, die Teams nutzen ihre neuen Boards, aber irgendwie bleibt die erhoffte Dynamik aus. Alles wirkt ein wenig wie Theater. Oft beobachte ich dann, dass eine Führungskraft – mit den besten Absichten – im Daily „nur zuhört“ oder in der Retrospektive „wertvollen Input“ geben will. Was sie dabei nicht bemerkt: Ihre reine Anwesenheit verändert die Spielregeln fundamental. Es stellt sich heraus: Für diese gut gemeinte, aber oft hemmende Einflussnahme gibt es einen klaren Grund, nämlich die tief verwurzelten Auswirkungen von Hierarchie.

Ein agiles Team steht im Daily Standup zusammen. Ein Manager steht neben ihnen und beäugt sie kritisch.

„Wieso seid ihr nicht agil? Ich habe euch doch den Auftrag gegeben!“

Was meinen wir eigentlich mit Hierarchie?

In klassisch geführten Unternehmen ist Hierarchie das A und O. Es gibt klare Berichtslinien, Entscheidungen werden von oben nach unten getroffen und Aufgaben delegiert. Das schafft auf den ersten Blick Ordnung und Klarheit. In einem agilen Umfeld, das auf Selbstorganisation, schnelle Feedbackschleifen und Eigenverantwortung setzt, kann genau diese Struktur jedoch zu einem massiven Hindernis werden.

Die Anwesenheit einer Führungskraft, selbst mit den besten Absichten, verändert die Dynamik eines Teams fundamental. Die psychologische Sicherheit, ein Eckpfeiler für offene und ehrliche Retrospektiven und eine gesunde Fehlerkultur, kann dadurch erheblich leiden. Wie in „Agile Retrospectives“ beschrieben, sinkt die Bereitschaft, Probleme oder Fehler offen anzusprechen, wenn eine Person im Raum ist, die formale Macht über die Teammitglieder hat (z. B. durch Gehaltsentscheidungen oder Leistungsbeurteilungen).

Die spürbaren Folgen: Von stillen Runden und gehemmter Kreativität

Wenn Hierarchie die Teamdynamik dominiert, beobachten wir oft folgende Muster:

Der Informationsfluss versiegt: Statt eines offenen Austauschs von Ideen und Bedenken, richten die Teammitglieder ihre Kommunikation auf die ranghöchste Person aus. Informationen werden gefiltert, um gut dazustehen, anstatt transparent gemacht zu werden, um Probleme zu lösen. Die Forschung in Accelerate zeigt deutlich, wie generative, auf den Auftrag fokussierte Kulturen pathologischen, machtorientierten Kulturen überlegen sind, in denen Informationen gehortet werden.

Die Entscheidungsfindung verlangsamt sich: Teams warten auf die Zustimmung der Führungskraft, anstatt selbst schnelle, informierte Entscheidungen zu treffen. Diese Abhängigkeit konterkariert den agilen Gedanken des „Inspect and Adapt“ und führt zu Verzögerungen.

Die Eigenverantwortung schwindet: Das Team fühlt sich weniger für die Ergebnisse verantwortlich. Wenn Entscheidungen extern getroffen werden, sinkt das Gefühl der Eigenverantwortung („Ownership“) für die gemeinsame Arbeit.

Kreativität und Innovation bleiben auf der Strecke: Echte Innovation entsteht oft aus Experimenten und dem Mut, auch mal zu scheitern. In einer hierarchisch geprägten Umgebung, in der Fehler negative Konsequenzen haben könnten, wird auf Nummer sicher gespielt.

Was können wir als Agile Coaches tun?

Unsere Aufgabe ist es nicht, Hierarchien per se zu verteufeln, sondern ihre Auswirkungen auf die Teamarbeit sichtbar und besprechbar zu machen.

  1. Beobachten und ansprechen: Mache die Dynamik im Team zum Thema. Eine Retrospektive (ohne die Führungskraft) ist der perfekte Ort, um zu fragen: „Wie fühlt es sich an, wenn X im Raum ist? Was verändert sich in unserer Kommunikation?“
  2. Rollen klären: Führe ein Gespräch mit der Führungskraft. Oft ist das Verhalten nicht böswillig, sondern entspringt einem veralteten Verständnis von Führung. Erkläre das Konzept des „Servant Leadership“ und wie sie dem Team am besten helfen kann – nämlich indem sie Hindernisse beseitigt, die außerhalb des Einflussbereichs des Teams liegen.
  3. Experimente vorschlagen: Schlage vor, dass die Führungskraft probeweise für ein paar Sprints nicht an den Dailys teilnimmt. Messt gemeinsam, was sich verändert. Die Ergebnisse sprechen meist für sich.
  4. Räume schaffen: Etabliere Formate, in denen der Austausch zwischen Team und Führungskraft auf Augenhöhe stattfinden kann, z. B. in Reviews, wo es um das Produktinkrement geht, oder in separaten, gut vorbereiteten Meetings.

Am Ende geht es darum, eine Umgebung zu schaffen, in der das Team sein volles Potenzial entfalten kann. Manchmal bedeutet das, die hilfreichste Tat einer Führungskraft ist es, dem Team den Raum zu geben, den es braucht, um selbst die besten Lösungen zu finden. Denn wie die Studien in Accelerate belegen, sind befähigte Teams („empowered teams“) ein Schlüssel zu hoher Performance.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert